Unternehmensdaten
Die fundamentale Bewertung eines Unternehmens
Chancen und Risiken für Anleger
An der Börse wird die Zukunft gehandelt – und weil das so ist, verhalten sich Aktienkurse nicht statisch, sondern unterliegen ständigen Veränderungen. Sie reagieren kontinuierlich auf Neuigkeiten aus den Unternehmen oder auf Nachrichten aus der Wirtschaft. All diese Informationen beeinflussen die Einschätzung der Anleger und üben Wirkung auf den Kursverlauf aus.
Wer eine Aktie als zu niedrig bewertet ansieht und Kurssteigerungen erwartet, wird kaufen, wer sie als ausreichend oder zu hoch bewertet ansieht, wird verkaufen wollen. Doch welche Faktoren sind es, die auf denen sich die Bewertung stützt? Mit dieser Frage beschäftigt sich insbesondere die Fundamentalanalyse, indem sie die wirtschaftlichen Chancen und Risiken eines Unternehmens analysiert. Folgende Faktoren spielen dabei eine wichtige Rolle.
A) Gewinnerwartungen
Die derzeitigen und vor allem die zukünftig erwarteten Unternehmensgewinne bilden das fundamentale Gerüst eines jeden Aktienkurses. Sie sind eine ganz entscheidende Einflussgröße, denn die Höhe des Gewinns gibt darüber Auskunft, wie rentabel die Gesellschaft wirtschaftet. Vor allem die Gewinnentwicklung steht dabei im Fokus der Investoren. Je höher das erwartete Gewinnwachstum, desto höhere Bewertungen werden von Anlegern akzeptiert. Gewinnwachstum zählt bei vielen Unternehmen zu einem wichtigen strategisches Ziel, dessen Umsetzung auf verschiedenen Wegen erfolgen kann.
Organisches Wachstum
Ein Unternehmen kann aus eigener Kraft wachsen, indem es zum Beispiel neue Märkte betritt, Partnerschaften und Joint Ventures abschließt, neue Kunden und Aufträge gewinnt, das Sortiment erweitert, Produktinnovationen forciert oder seine Marketing- und Vertriebsstrategie optimiert.
Wachstum durch Zukäufe
Eine weitere Wachstumsstrategie ist die Expansion durch Zukäufe, indem zum Beispiel komplette Unternehmen oder bestimmte Geschäftsbereiche von anderen Gesellschaften übernommen werden.
Preispolitik
Unternehmen mit starker Marktmacht oder mit Quasi-Monopolstellung haben die Möglichkeit, über Preiserhöhung die Gewinnmargen und damit auch das Gewinnpotenzial zu erhöhen.
Kostenoptimierung
Ein Unternehmen kann seine Profitabilität auch dadurch steigern, indem es seine Kostenbasis senkt. Um das Einsparungspotential zu erfassen, analysiert das Management alle relevanten Unternehmensprozesse, angefangen von der Produktentwicklung über die Produktion bis hin zum Vertrieb und der Verwaltung. Ein Kostenziel kann zum Beispiel sein, die Umschlaghäufigkeit der Lagerhaltung zu erhöhen, etwa durch eine Just-in-Time-Produktion. Wie gut ein Unternehmen seine Kosten im Griff hat, darüber gibt unter anderem die operative Gewinnmarge Auskunft.
B) Das Risiko von Fehleinschätzungen
Als Folge der Unternehmensanalyse bildet sich am Markt eine Konsenserwartung über die zukünftige Umsatz- und Gewinnentwicklung der Gesellschaft heraus. Wird diese Marktmeinung übertroffen, spricht man von einer positiven Überraschung und der Aktienkurs legt in der Regel zu. Bleibt das Unternehmen jedoch hinter den Erwartungen zurück, wird der Markt enttäuscht reagieren und der Aktie drohen Kursverluste. Die Ursachen für solche negativen Überraschungen können vielfältig sein. Risikobereiche sind unter anderem:
Operative Risiken
Eine Verschlechterung des gesamtwirtschaftlichen Umfelds, ein sich verschärfender Wettbewerb, steigende Rohstoffpreise, Fehlinvestitionen, Produktflops oder Machtkämpfe im Management – all das kann sich negativ auf die Umsatz- und Gewinnentwicklung des Unternehmens auswirken und im Extremfall sogar eine existenzielle Krise auslösen.
Politische Risiken
Die politischen Rahmenbedingungen variieren von Land zu Land. Unternehmen tragen dabei das Risiko, dass zum Beispiel die Unternehmenssteuern erhöht werden oder sich neue Gesetze oder Verordnungen negativ auf das Geschäftsmodell auswirken können.
Rechtliche Risiken
Diese Gefahr bezieht sich auf die Möglichkeit, dass ein Unternehmen von Kunden oder Wettbewerbern verklagt wird. Ursache für solche Schadenersatzprozesse können zum Beispiel fehlerhafte Produkte sein oder es wurden Patent- beziehungsweise Urheberrechte verletzt.
Währungsrisiken
Für international tätige Unternehmen, können Wechselkursschwankungen gravierenden Einfluss auf die Gewinne oder die Kostenstruktur haben. Dazu ein Beispiel: Ein Aufwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar verteuert Exportgüter aus dem Euroraum in den US-Markt und verschlechtert damit die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Exporteure.
Insolvenzrisiken
Ein hoher Verschuldungsgrad oder eine knapp Liquidität können zur Überschuldung (Eigenkapital ist aufgezehrt) oder Zahlungsunfähigkeit (Zahlungsverpflichtungen kann nicht nachgekommen werden) eines Unternehmens führen. In beiden Fällen müsste die Gesellschaft nach deutschem Recht Insolvenz anmelden. Um die finanziellen Stärke eines Unternehmens zu analysieren, stehen Anlegern eine Reihe von Kennziffern zur Verfügung. Dazu gehören unter anderem:
Verschuldungsgrad (in Prozent) = (Fremdkapital x 100) / Gesamtkapital
Der Verschuldungsgrad berechnet sich aus dem Fremdkapital im Verhältnis zum Eigenkapital. Grundsätzlich gilt: Je höher der Verschuldungsgrad, umso abhängiger ist das Unternehmen von externen Gläubigern.
Cashflow (Kassenüberschuss): Der Cashflow ist der Gewinn einer Periode zuzüglich der Aufwendungen, die nicht zahlungswirksam wurden und abzüglich der Erträge, die zu keinen Einnahmen führten. Ziel des Cashflow ist es, Klarheit über die tatsächliche Ertragslage eines Unternehmens zu geben, da er sich an den tatsächlichen Zahlungen orientiert und dadurch kaum durch bewertungspolitische oder steuertaktischen Buchungen verfälscht werden kann.
Zinsdeckungsgrad (in Prozent) = (Operativer Gewinn x 100) / Zinsaufwand
Der Zinsdeckungsgrad misst die Fähigkeit eines Unternehmens, seine Zinszahlungen durch den operativen Gewinn zu begleichen.
Liquiditätskennziffern
Cash Ratio (Liquidität ersten Grades) = (liquide Mittel x 100) /
(kurzfristiges Fremdkapital)
Die Cash Ratio zeigt an, in welchem Umfang das Unternehmen in der Lage ist, seine kurzfristigen Verbindlichkeiten sofort zu bezahlen.
Quick Ratio (Liquidität zweiten Grades) = ((liquide Mittel + kurzfr.verfügb.Guthaben) x 100) /
(kurzfristiges Fremdkapital)
Die Quick Ratio zeigt an, welcher Anteil der heute vorhandenden kurzfristigen Verbindlichkeiten zwar nicht sofort, aber zumindest kurzfristig aus eigener Kraft beglichen werden kann.
Current Ratio (Liquidität dritten Grades) = (Umlaufvermögen x 100) /
(kurzfristiges Fremdkapital)
Die Current Ratio zeigt an, in welchem Umfang ein Unternehmen in der Lage ist, durch „Verflüssigung“ des Umlaufvermögens seine kurzfristigen Verbindlichkeiten zu begleichen.
C) Aktienbewertung auf Basis des Kurs-Gewinn-Verhältnisses (KGV)
Zu den gebräuchlichsten und beliebtesten Kennziffern der Aktienanalyse überhaupt gehört das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Es wird gelegentlich auch mit dem im Angelsächsischen gebräuchlichen Begriff Price-Earnings-Ratio (PER) bezeichnet. Diese Kennziffer sagt aus, wie viele Jahre lang das Ergebnis verdient werden muss, um den Aktienkurs, zu erzielen. Als Faustformel gilt: Je niedriger das KGV, desto günstiger ist eine Aktie bewertet.
Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) = Aktienkurs / (Ergebnis (Gewinn)je Aktie)
Als Faustformel gilt: Je niedriger das KGV, desto günstiger ist eine Aktie bewertet. Im strengen Sinn stellt das KGV aber eine Vergleichskennziffer dar. Denn um zu beurteilen, ob eine Aktie auf Basis des KGVs teuer oder günstig bewertet ist, muss es mit dem KGV anderer Unternehmen aus der Branche (Sektor-KGV) oder dem kompletten Markt (Index-KGV) verglichen werden.
Zu beachten ist, dass die KGVs je nach Unternehmensbranche sehr differenzieren können. Ein Unternehmen aus einer Wachstumsbranche wie dem Internet liegt mit seinem KGV meisten über den Werten aus gesättigten Märkten wie dem Konsumsektor. Daher ist immer auch die jeweilige Branche zu berücksichtigen, will man feststellen, ob ein Wert teuer oder preiswert ist.
Um das Gewinnwachstum bei der Aktienbewertung zu berücksichtigen, kann das dynamische KGV (Price-Earnings-to-Growth-Ratio PEGR) verwendet werden.
Dynamisches KGV = KGV / Gewinnwachstum (in Prozent)
Das dynamische KGV ist lediglich als ein Richtwert anzusehen, der besagt, dass ein Unternehmen angemessen bewertet ist, wenn sein KGV in etwa ebenso hoch ist wie das (aktuelle oder erwartete) Gewinnwachstum. In diesem Fall würde das dynamische KGV etwa bei 1 liegen. Ist es kleiner als 1, gilt das als Indikation dafür, dass die Aktie tendenziell günstig ist. Ist das dynamische KGV größer als 1, gilt die Aktie eher als zu hoch bewertet.
D) Bewertungskriterium Dividenden
Den Aktionär interessiert nicht nur die Ertragskraft eines Unternehmens, sondern er will auch wissen, welcher Teil der erzielten Erträge ihm direkt zu Gute kommt. So gelangt man zur Kennziffer der Ausschüttungsquote, die aussagt, wie dividendenfreundlich sich ein Unternehmen verhält.
Ausschüttungsquote (in Prozent) = (Dividende je Aktie x 100) / (Ergebnis je Aktie)
Zahlt ein Unternehmen beispielsweise 3,00 Euro Dividende bei einem Gewinn je Aktie von 4,00 Euro, so beträgt die Ausschüttungsquote 75 Prozent. Dass heißt: 75Prozent des Gewinns je Aktie wurden für die Zahlung der Dividende verwendet, 25 Prozent verbleiben im Unternehmen und können zum Beispiel für Investitionen verwendet werden.
Für den Anleger ist außerdem wissenswert, wie sich der Wert der Ausschüttung zum aktuellen Aktienkurs verhält. Hierüber gibt die Dividendenrendite Auskunft. Sie zeigt an, mit welchem Satz der aktuelle Aktienkurs durch Dividendenzahlung verzinst wird.
Dividendenrendite (in Prozent) = (Dividende je Aktie x 100) / Aktienkurs
Eine Änderung der Dividendenzahlung hat zumeist deutliche Auswirkungen auf den Aktienkurs. Erhöht ein Unternehmen die Dividende wird dies vom Markt gewöhnlich als positives Zeichen für die zukünftige Gewinnentwicklung gesehen. Der Aktienkurs dürfte steigen. Eine Herabsetzung oder gar eine Streichung der Dividende hat dagegen in der Regel Kursverluste zur Folge.
Hinweis zum Dividendenabschlag: Nachdem auf der Hauptversammlung über die Dividende entschieden wurde, wird diese am folgenden Börsentag an die Aktionäre ausgeschüttet. Die Aktie notiert dann mit einem Dividendenabschlag (ex Dividende).
E) Informationsquelle Geschäftsbericht
Eine wichtige Informationsquelle für Anleger stellen die Zwischen- und Geschäftsberichte eines Unternehmens dar. Hier sind alle relevanten Bilanzdaten aufgelistet und vom Management kommentiert. Hinzu kommt ein Ausblick, in dem die Unternehmensführung ihre Gewinn- und Umsatzerwartungen formuliert.
Die Veröffentlichung neuer Geschäftszahlen wird zumeist einige Wochen oder Monate vorher angekündigt. Am Tag der Bekanntgabe entscheidet sich dann, ob die Aktiengesellschaft mit ihren Umsatz- und Gewinnzahlen und dem Ausblick die Erwartungen des Marktes erfüllen konnte. Als Basis hierfür dienen die Konsensschätzungen der Analysten. Wer kurz vor Veröffentlichung neuer Zahlen in die Aktie investiert, spekuliert damit auch auf positive Überraschungen. Meldet das Unternehmen dagegen Zahlen im Rahmen der Erwartungen hat dies zumeist keinen größeren Einfluss auf die Aktie, da diese Zahlen bereits im Kurs eingepreist sind. Eine Kursrallye vor einer Bekanntmachung kann Hinweise darauf liefern, dass die Erwartungshaltung gestiegen ist. Gerät eine Aktie dagegen bereits vor der Veröffentlichung unter Druck, kann dies ein Signal für fehlendes Vertrauen sein.
Aufgrund der großen Aufmerksamkeit, die neue Geschäftszahlen an der Börse häufig erregen, kann es an solchen Tagen zu einer stark erhöhten Volatilität (Schwankungsintensität) bei der Aktie kommen. Daher tendieren insbesondere US-Unternehmen dazu, Ihre Zahlen außerhalb der Handelszeiten zu veröffentlichen. Die nachbörslichen Bewegungen, die solche Veröffentlichungen auslösen, können für Anleger ein wichtiges Stimmungsbarometer für Kauf- oder Verkaufsentscheidungen darstellen.
F) Übernahmespekulationen
Übernahmeangebote sorgen an der Börse meistens für eine hohe Aufmerksamkeit und starke Kursbewegungen. Für Anleger ergeben sich daraus Chancen und Risiken. So zahlt das übernehmende Unternehmen häufig eine Prämie auf den Aktienkurs der Zielgesellschaft. Daher tendieren die Aktien des Zielunternehmens im Umfeld einer möglichen Übernahme zu Kurssteigerungen. Gerüchte und Spekulationen können den Kurs weiter anheizen. Ein weiterer Aspekt ist die Art der Übernahme: Besteht Einvernehmen zwischen den beiden Parteien, wird sich die Aktie des Zielunternehmens etwa auf Höhe des Übernahmeangebots einpendeln. Bei einer feindlichen oder umkämpften Übernahme (das heißt bei mehreren Bietern) tendiert die Zielaktie dagegen dazu, über das Kaufniveau hinauszuschießen – beflügelt von der Hoffnung, dass noch höhere Angebote abgegeben werden. Die Aktie des übernehmenden Unternehmens kann in einem solchen Fall unter Abgabedruck geraten, da an den Märkten die Sorge zunimmt, dass ein zu hoher Kaufpreis gezahlt werden muss. Negativ können sich auch Befürchtungen niederschlagen, dass die Integration der Zielfirma nicht gelingt oder dass die Synergie-Effekte weniger stark ausfallen als vom Management angekündigt.

